Blog: Journalismus

"Sterbliche Überreste"

Symbolbild Es ist oft dieser kurze Moment vor den Nachrichten. Eine Stimme setzt an, berichtet knapp von einem Todesfall, und dann fällt die vertraute Formel: "sterbliche Überreste". Sie rutscht so selbstverständlich in viele Nachrichtenmeldungen, dass kaum noch auffällt, wie viel Distanz und sprachliche Schieflage sie erzeugt.

"Überreste" meint das, was keinen eigenen Wert mehr trägt. Dinge, die übrig bleiben, Fragmente, Stücke ohne Zusammenhang. In der Berichterstattung verwandelt dieses Wort eine verstorbene Person in ein sprachliches Objekt. Ein Leben mit Beziehungen, Verletzlichkeit und Würde wird auf einen Rest reduziert, der nur noch als Fundstück im Satz existiert. Die Formulierung entmenschlicht, weil Reste keine Würde kennen und niemals menschlich gedacht werden können.

Dazu kommt das Wort "sterblich". Es beschreibt die Möglichkeit zu sterben, gehört also zum Leben, nicht zum Tod. Wer gestorben ist, ist nicht mehr sterblich. Die Floskel kombiniert deshalb zwei Ebenen, die nicht zusammenpassen: eine Eigenschaft der Lebenden und einen Zustand ohne weitere Veränderung. Was wie eine neutrale Formulierung klingt, schafft ein widersprüchliches Bild, das den Tod eher verwischt als benennt.

Gerade darin zeigt sich ein Muster: Medien greifen zu Begriffen, die Härte vermeiden sollen, aber am Ende eine neue Form der Distanz schaffen. Die Sprache wird weicher, doch die Würde wird nicht größer. Im Gegenteil. Die Person verschwindet hinter einer Formel, die sie auf etwas reduziert, das zwar noch existiert, aber nicht mehr als Mensch dargestellt wird.

Wer journalistisch über den Tod berichtet, beeinflusst, wie Leser:innen oder Hörer:innen einen Menschen wahrnehmen, auch dann, wenn sie seinen Namen nicht kennen. Präzise Begriffe wie "Verstorbene" oder "Leichnam" sind nicht härter, sondern klarer. Sie lassen den Menschen sichtbar bleiben, statt ihn sprachlich zu verkleinern.

Ein Mensch ist niemals ein Rest. Weder tot noch sterblich.

Welche Zukunft hat die gedruckte Zeitung?

v.l.: Klaus Welzel (RNZ), Rolf Gramm (dju), Aline Lüllmann (taz) | Foto: heb v.l.: Klaus Welzel (RNZ), Rolf Gramm (dju), Aline Lüllmann (taz) | Foto: heb

Gespräch mit taz-Geschäftsführerin Aline Lüllmann und RNZ-Chefredakteur Klaus Welzel

Ist die Zeitung auf dem Küchentisch ein Auslaufmodell? Vor dem Hintergrund anhaltender Auflage- und Anzeigenverluste von Zeitungen und der Ankündigung der taz, die werktäglichen Ausgaben "perspektivisch" nur noch online zu publizieren, ging die Deutsche Journalistinnen und Journalisten-Union (dju) Rhein-Neckar der Frage nach der Zukunft der gedruckten Zeitung nach. Mit taz-Geschäftsführerin Aline Lüllmann und dem Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) Klaus Welzel hatte sie zwei hochkarätige Gäste an Bord.

Moderator Rolf Gramm, seit vielen Jahren im Vorstand der dju Rhein-Neckar, sprach die Entwicklung der Zeitungslandschaft an. Insbesondere der jüngere Teil der Bevölkerung lese heute nicht mehr auf Papier, sondern im Internet.

Wie gehen die sehr unterschiedlichen Zeitungen mit der Situation um?

Aline Lüllmann leitete bei der taz die Abteilung für digitale Transformation, bevor sie 2020 mit Andreas Marggraf die Geschäftsführung übernahm. Die solidarische Finanzierung der genossenschaftlich organisierten Tageszeitung ragt aus dem Zeitungsmarkt heraus. Im Netz blieben Inhalte kostenlos zugänglich, während rundherum die Zeitungen ihre Paywalls hochzogen. Stattdessen wurde im Jahr 2011 das Modell "taz zahl ich" eingeführt, für das Lüllmann als Projektleiterin zuständig war. Ein monatlicher Beitrag von 5,- Euro aufwärts wird aktuell von über 35 500 Unterstützer*innen freiwillig gezahlt. Für die kleine Zeitung das passende Modell, wie Lüllmann betonte: "Wir sparen uns die Pay Wall."

Nach dem Fahrplan für die Umstellung gefragt, kündigte sie an, dass ab 2025 nur noch die "Wochentaz" genannte Samstagsausgabe in gedruckter Form erscheinen werde. Die werktäglichen Ausgaben sollen als ePaper auch weiterhin in der Zeitungsansicht verfügbar sein. "Die Ultras, wie wir sie zärtlich nennen, pflegen ihre Lesegewohnheiten", bemerkte Lüllmann augenzwinkernd.

Ein Grund für die Umstellung: Die bundesweite Zustellung ist eine Herausforderung. Die Zeitung wird teils über andere Verlagshäuser, darunter die RNZ, mitverteilt. Teils wird sie sogar mit der Post geliefert. Wenn es mit der Zustellung nicht gut klappt oder der Postbote drei Ausgaben auf einmal einwirft, sind Kündigungen vorprogrammiert.

Damit die Umstellung gelingt, komme es nun darauf an, neben den "taz zahl ich" auch genügend "Zukunftsabos" zu erreichen.

Für Klaus Welzel kommt eine Umstellung der RNZ dagegen nicht in Frage. Er hat während seines Studiums (Germanistik und Politologie) als freier Mitarbeiter kurze Zeit auch für die taz gearbeitet. 1986 begann er als Volontär bei der RNZ, wechselte 1993 in die Politikredaktion und ist seit 2011 Chefredakteur und Leiter des Ressorts Politik/Wirtschaft.

Gefragt nach dem Umgang mit dem sich wandelnden Zeitungsmarkt, gab er sich gelassen und sprach von einer Komfortlage in Süddeutschland, wo der Preis nicht der große Faktor sei. Die Zeitung sei wirtschaftlich stabil, es bleibe bei sechs Tage die Woche Print, versicherte er.

Wir andere Regionalzeitungen hat auch die RNZ für ihr Online-Angebot eine Paywall eingeführt. Im Herbst werde sie Preise vereinheitlichen und den Bezahlvorgang unkompliziert machen, kündigte Welzel an. Auch ein Newsletter ist geplant. Ernüchternd: Während viele Artikel nur überflogen werden, hielten sich User mit einem kürzlich eingeführten Online-Rätsel im Schnitt 24 Minuten auf.

Die Hälfte der Beiträge seien rein lokal und generierten nur wenige Klicks. "Was würde es bei acht Lokalausgaben bedeuten, umzustellen?", fragte der Chefredakteur auch mit Blick auf die Zustellenden, für die ein "richtiger Job" wichtig sei.

Stattdessen hob er die Wahlmöglichkeiten hervor. Bei der RNZ zählen dazu Digital plus Samstag Print, Montag bis Samstag Print und "All inklusive", also Digital, Print und ePaper ab 21 Uhr.

Wo geht die Reise hin? Wird der Journalismus zum Beiboot für Konzerne, die ihren Umsatz mit Jobbörsen und Rätselheften machen?

Beide waren sich einig, dass es um mehr geht als "was Klicks bringt". Für Lüllmann zeigt auch der Internetauftritt des britischen "Guardian", dass das freiwillige Unterstützermodell funktioniert. "Zeitungen brauchen Biotopschutz", machte Welzel geltend. Er sorgte sich um die Konzentration am Zeitungsmarkt, wo es immer weniger konzernunabhängige Verlage gibt. "Wie sollen die standhalten?", fragte er und erwähnte die Initiative für eine Internet-Plattform als europäisches Gegengewicht zu den Tech-Giganten. Auch in einem anderen Bereich sieht er die Politik in der Pflicht: "Medienbildung muss schon in der Grundschule anfangen."